Intel kämpft gegen den Abstieg: Fehlende KI-Strategie bremst Wachstum und Innovation

Intel sieht sich nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen mit einem Rückschlag konfrontiert. Die Aktie des US-Chipherstellers fiel am Freitag vorbörslich um über 7 %, nachdem der Ausblick für das kommende Quartal enttäuschte. Analysten bezeichnen die Situation als „Weckruf“ und weisen auf die nüchterne Bestandsaufnahme durch den neuen CEO Lip-Bu Tan hin. Ein Strategiewechsel wird eingeleitet, jedoch sind kurzfristige Wunder nicht zu erwarten.

Lichtblicke und harte Realität

Im ersten Quartal 2023 erzielte Intel einen Umsatz von 12,7 Mrd. US-Dollar, was etwas über den Erwartungen liegt. Der Verlust je Aktie betrug -0,19 $, was ebenfalls besser war als die prognostizierten -0,22 $. Doch der positive Trend hält nicht an: Der Ausblick für das laufende Quartal liegt mit 11,2–12,4 Mrd. US-Dollar Umsatz deutlich unter den Analystenschätzungen von 12,9 Mrd. Zudem wird die Bruttomarge auf nur noch 36,5 % geschätzt, während diese einst über 60 % lag. Im Vergleich dazu liegt Nvidia mittlerweile über 70 %.

Finanzchef David Zinsner warnte auch, dass der starke Jahresauftakt möglicherweise durch Vorzieheffekte aufgrund drohender Zölle zustande kam, anstatt durch eine nachhaltige Nachfrage.

CEO Tan betont: „Keine Wende über Nacht“

In seiner ersten Rede nach dem Amtsantritt machte CEO Lip-Bu Tan klar, dass Intel unter strukturellen Problemen leidet. Der Konzern sei zu bürokratisch und zu langsam und habe den Anschluss an Schlüsseltrends wie Künstliche Intelligenz verloren. Eine zentrale Maßnahme besteht darin, mehr als 20 % der Belegschaft abzubauen. Im Vorjahr hatte das Unternehmen bereits rund 15.000 Stellen gestrichen.

In einem Memo an die Mitarbeitenden kündigte Tan an, die Belegschaft ab dem 1. September wieder verpflichtend vier Tage pro Woche ins Büro zu holen. „Unsere Standorte müssen wieder zu lebendigen Knotenpunkten der Zusammenarbeit werden“, so der 65-jährige Branchenveteran.

Analysteneinschätzungen: Skepsis und Zuversicht

Joseph Moore von Morgan Stanley bezeichnet Tan als Hoffnungsträger, mahnt jedoch zur Geduld: „Solche tiefgreifenden Veränderungen brauchen Zeit.“ Er senkte sein Kursziel auf 23 US-Dollar. Auch Mark Lipacis von Evercore bleibt skeptisch: „Intel ist wie ein Supertanker – da kann man nicht einfach auf dem Teller drehen.“

Wells Fargo und Jefferies zeigen zwar Anerkennung für Tans klare Worte, bleiben aber ebenfalls zurückhaltend. Analyst Aaron Rakers merkt an: „Intel ist weiterhin eine ‘prove-it’-Story“. Viele Analysten sehen den Schlüssel zum Turnaround in der sogenannten 18A-Technologie – einem neuen Fertigungsprozess, der Intel helfen soll, mit TSMC und Samsung zu konkurrieren.

Das Problem: Die Foundry-Sparte, die Chips für externe Kunden herstellen soll, bleibt ein Sorgenkind. Aktuell fehlen namhafte Auftraggeber, was die Glaubwürdigkeit der Sparte beeinträchtigt.

Der verpasste KI-Boom

Besonders schmerzhaft ist Intels Ausbleiben im profitablen KI-Markt. Während Nvidia mit seinen GPUs zur wertvollsten Halbleiterfirma der Welt aufsteigt, bleibt Intel zurück. Nvidias Börsenwert und Umsatzvolumen liegen mittlerweile deutlich vor denen von Intel, und das trotz einer geringeren Mitarbeiterzahl.

Analyst Logan Purk von Edward Jones bringt es auf den Punkt: „Intel hat keine wettbewerbsfähigen Produkte im KI-Bereich – das ist ein strukturelles Problem.“

Spaltungsdiskussion und Einsparungen

Die Diskussion über eine mögliche Aufspaltung von Intel, beispielsweise in Design- und Fertigungssparten, bleibt aktuell. Tan vermeidet jedoch konkrete Aussagen dazu. Stattdessen wird gespart: Die Investitionen in neue Werke werden bis 2025 um 2 Mrd. US-Dollar gekürzt. Die operativen Kosten sollen bis 2026 auf 16 Mrd. sinken, was einen Rückgang von rund 25 % gegenüber den Höchstständen darstellt.

Fazit: Neue Führung, lange Wegstrecke

Lip-Bu Tan hat die Herausforderungen klar erkannt und scheut sich nicht, unbequeme Maßnahmen zu ergreifen. Der Kulturwandel ist eingeleitet, die Belegschaft wird reduziert, und auch die Kapitalausgaben werden zurückgefahren. Der Turnaround wird jedoch ein langfristiger Prozess sein.

Intel bleibt ein Sanierungsfall mit ungewissem Ausgang. Für langfristig orientierte Anleger könnte sich künftig eine Einstiegschance bieten. Vorerst gilt es jedoch, abzuwarten und auf erste Beweise für eine erfolgreiche Umsetzung zu achten.

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